Motorradfahrer in voller Schutzkleidung auf deutscher Landstraße mit konzentriertem Blick nach vorne
Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Zusammenfassend:

  • Ein Beinahe-Unfall löst eine Stresskaskade aus, die Ihre Konzentration und Reaktionsfähigkeit aktiv sabotiert.
  • Gezielte Atemtechniken wie die 4-7-8-Methode können das Nervensystem in Sekunden beruhigen, ohne dass Sie anhalten müssen.
  • Proaktive mentale Rituale vor der Fahrt sind effektiver als rein reaktive Massnahmen im Ernstfall.
  • Motorradfahren selbst ist, korrekt ausgeführt, eine Form der aktiven Meditation, die Stressresilienz nachhaltig trainiert.

Es ist eine Situation, die jeder Motorradfahrer kennt: Ein Auto schneidet Ihnen den Weg ab, ein Drängler klebt an Ihrem Hinterrad, eine Tür öffnet sich unerwartet. Der Schreck fährt Ihnen durch die Glieder, Adrenalin flutet den Körper. Was danach passiert, ist entscheidend. Die meisten Ratgeber empfehlen, defensiv zu fahren oder eine Pause zu machen. Doch die wahre Herausforderung ist nicht die Verkehrssituation selbst, sondern die emotionale Reaktion darauf – der Ärger, die Wut, der verbliebene Schock. Diese Emotionen trüben das Urteilsvermögen und machen die Weiterfahrt zu einem unkalkulierbaren Risiko.

Doch was, wenn die Lösung nicht darin liegt, die Emotionen zu unterdrücken, sondern sie aktiv zu steuern? Was, wenn Sie die Kontrolle über Ihr autonomes Nervensystem zurückgewinnen könnten, und das in weniger als einer Minute? Dieser Artikel bricht mit dem herkömmlichen Ansatz. Anstatt sich auf vage Ratschläge zu verlassen, tauchen wir in die angewandte Sportpsychologie ein. Wir betrachten Ihr Gehirn als den entscheidenden Muskel, den es zu trainieren gilt. Sie werden lernen, wie Sie nicht nur auf der Strasse, sondern auch in Ihrem Kopf die Oberhand behalten.

Wir werden die neurologischen Gründe analysieren, warum Wut so gefährlich ist, und Ihnen eine konkrete Atemtechnik an die Hand geben, die Sie direkt am Lenker anwenden können. Wir klären die Frage, wann eine Pause wirklich sinnvoll ist und warum der Impuls zur Konfrontation eine Falle darstellt. Schliesslich zeigen wir Ihnen, wie Motorradfahren selbst zu einem hochwirksamen mentalen Training wird, das Gehirnjogging-Apps in den Schatten stellt und Ihre Stressresistenz nachhaltig stärkt.

Warum Wut auf einen Drängler Ihre Reaktionszeit um 40 % verlängert?

Die Wut, die nach einer gefährlichen Situation aufsteigt, ist mehr als nur ein Gefühl. Sie ist eine massive biochemische Reaktion. Ihr Körper schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus und aktiviert den sympathischen Teil Ihres Nervensystems – den „Kampf-oder-Flucht“-Modus. Das Problem: Während dieser Modus für einen Sprint nützlich wäre, ist er beim Motorradfahren katastrophal. Ihre Wahrnehmung verengt sich zu einem kognitiven Tunnel. Sie fokussieren sich ausschliesslich auf die vermeintliche Bedrohung – den Drängler hinter Ihnen – und verlieren die periphere Wahrnehmung für alles andere: Schlaglöcher, Seitenstrassen oder das Bremslicht des Fahrzeugs vor Ihnen.

Diese emotionale Vereinnahmung hat messbare Folgen. Obwohl die 40 % im Titel eine Zuspitzung sind, verdeutlichen sie eine reale Gefahr: Ihre Fähigkeit zur Verarbeitung komplexer Informationen und zur schnellen Entscheidungsfindung bricht ein. Sie handeln nicht mehr vorausschauend, sondern nur noch impulsiv. Das Gefühl, im Recht zu sein, verstärkt diesen Effekt. Die Statistik bestätigt die zugrundeliegende Problematik: Laut einer Auswertung der ADAC Unfallforschung wurden in Deutschland 66,4 % der Unfälle zwischen Motorrädern und Pkw von den Autofahrern verursacht. Dieses Wissen kann die Wut zwar verständlich machen, macht sie aber nicht weniger gefährlich für Sie selbst.

Im Moment des Zorns sind Sie nicht mehr der souveräne Fahrer, sondern ein Passagier Ihrer eigenen Emotionen. Jeder gefahrene Meter in diesem Zustand ist ein unkalkulierbares Risiko. Die erste und wichtigste Erkenntnis ist daher: Der Kampf gegen den anderen Verkehrsteilnehmer ist bereits verloren. Der einzige Kampf, den Sie gewinnen können und müssen, ist der um Ihre eigene Konzentration.

Wie Sie die 4-7-8-Methode am Lenker anwenden, ohne anzuhalten?

Die gute Nachricht ist: Sie können Ihr Nervensystem gezielt beeinflussen und den „Kampf-oder-Flucht“-Modus aktiv beenden. Das wirksamste Werkzeug dafür haben Sie immer dabei: Ihren Atem. Die 4-7-8-Atemtechnik ist eine einfache, aber extrem effektive Methode zur Vagusnerv-Stimulation. Dieser Nerv ist die Hauptbremse Ihres Stresssystems (des Parasympathikus). Durch langsames, kontrolliertes Ausatmen signalisieren Sie Ihrem Gehirn, dass die Gefahr vorüber ist und es die Produktion von Stresshormonen einstellen kann.

Der entscheidende Vorteil: Sie können diese Technik diskret im Helm anwenden, während Sie mit angepasster Geschwindigkeit weiterfahren. Sie müssen nicht anhalten und sich exponieren. Sobald Sie eine sichere Fahrsituation hergestellt haben (z. B. auf einer geraden Strecke mit guter Übersicht), beginnen Sie mit der Übung. Die Visualisierung des Atemflusses kann dabei helfen, den Fokus von der äusseren Gefahr nach innen zu lenken.

Die Durchführung ist denkbar einfach und folgt einem klaren Rhythmus, den Sie innerlich mitzählen. Wichtiger als die exakte Sekundenzahl ist das Verhältnis der einzelnen Phasen zueinander. Eine Anleitung, die auf einer Empfehlung der Krankenkasse BARMER zur Stressreduktion basiert, lässt sich perfekt anpassen:

  1. Einatmen (4 Zählzeiten): Atmen Sie ruhig und sanft durch die Nase ein, während Sie innerlich langsam bis vier zählen. Spüren Sie, wie sich Ihr Bauch hebt.
  2. Luft anhalten (7 Zählzeiten): Halten Sie den Atem an und zählen Sie dabei bis sieben. Diese Phase ist entscheidend für den Gasaustausch und die Beruhigung. Wenn 7 zu lang ist, beginnen Sie mit 4 oder 5.
  3. Ausatmen (8 Zählzeiten): Atmen Sie langsam und vollständig mit leicht geöffnetem Mund oder durch die Nase wieder aus. Zählen Sie dabei bis acht. Das lange Ausatmen ist der wichtigste Teil zur Aktivierung des Vagusnervs.
  4. Wiederholen: Führen Sie diesen Zyklus drei- bis viermal durch. Sie werden eine spürbare Veränderung in Ihrer körperlichen und mentalen Anspannung feststellen.

Diese Methode ist keine esoterische Spielerei, sondern angewandte Neurowissenschaft. Sie durchbrechen den Teufelskreis aus Ärger und Anspannung, indem Sie die physiologische Grundlage dafür entfernen. Nach wenigen Wiederholungen weicht der kognitive Tunnel einer klaren, weiten Wahrnehmung – Sie sind wieder Herr der Lage.

Kurze Pause oder Weiterfahren: Was hilft besser nach einem Schrecksignal?

Nachdem Sie die erste emotionale Welle mit der 4-7-8-Methode geglättet haben, stellt sich die nächste Frage: Anhalten oder weiterfahren? Die intuitive Antwort vieler Fahrer ist, „es einfach abzuschütteln“ und weiterzufahren. Doch die Sportpsychologie warnt vor einem Phänomen, das als Post-Adrenalin-Tief bekannt ist. Der anfängliche Adrenalinschub, der Sie hyperwach macht, wird von Dopamin begleitet, was kurzfristig ein Gefühl der Erleichterung („Puh, nochmal gut gegangen!“) erzeugt. Doch auf dieses Hoch folgt unweigerlich ein Tief.

Ihr Körper und Ihr Gehirn haben enorme Ressourcen mobilisiert. Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, die Muskeln sind zwar noch angespannt, aber die mentale Ausdauer ist erschöpft. In diesem Zustand weiterzufahren, ist riskant. Sie sind anfälliger für einfache Fahrfehler, Ihre Reaktionszeit ist verlangsamt und Ihre Risikobewertung ist unzuverlässig. Die Entscheidung zwischen Pause und Weiterfahrt sollte daher nicht vom Ego, sondern von einer ehrlichen Selbsteinschätzung abhängen.

Fallbeispiel: Das Konzentrationstief nach dem Schreckmoment

Eine in einem Fachartikel von GAM-Medical zu ADHS und Motorsport beschriebene Dynamik lässt sich hierauf übertragen. Motorradfahren erfordert eine totale, fast meditative Präsenz. Nach einem intensiven Stressereignis wie einem Beinahe-Unfall ist diese Präsenz gestört. Auch wenn sich der Fahrer subjektiv erleichtert fühlt, zeigt die Erfahrung aus dem Coaching, dass oft ein signifikantes Konzentrationstief folgt. Eine bewusste, kurze Pause von nur 5-10 Minuten dient nicht der „Erholung“ im klassischen Sinne, sondern der emotionalen Re-Kalibrierung. Sie erlaubt dem Nervensystem, vom sympathischen in den parasympathischen Zustand zurückzufinden und die kognitiven Ressourcen wieder vollständig herzustellen, bevor die Fahrt fortgesetzt wird.

Eine kurze Pause ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt strategischer Klugheit. Suchen Sie die nächste sichere Haltemöglichkeit. Steigen Sie ab, trinken Sie einen Schluck Wasser, gehen Sie ein paar Schritte. Atmen Sie bewusst und analysieren Sie kurz, was passiert ist – nicht um sich zu ärgern, sondern um daraus zu lernen. Erst wenn Sie spüren, dass Ihr Puls wieder normal ist und Ihr Fokus klar ist, sollten Sie die Fahrt fortsetzen. Weiterfahren im Adrenalin-Nebel ist ein unnötiges Glücksspiel.

Der gefährliche Impuls, einem Autofahrer hinterherzufahren und ihn zu konfrontieren

Der Impuls ist stark und verständlich: Jemand hat Sie in Gefahr gebracht, Ihr Gefühl für Gerechtigkeit ist verletzt, und ein Teil von Ihnen will den Verursacher zur Rede stellen. Dieser Drang, dem anderen Autofahrer zu folgen, ihm eine Lektion zu erteilen oder ihn zumindest anzuschreien, ist eine der gefährlichsten Fallen, in die Sie nach einem Beinahe-Unfall tappen können. Psychologisch gesehen ist dies ein Versuch, die gefühlte Ohnmacht in aktive Kontrolle umzuwandeln. Sie wollen vom Opfer zum Akteur werden. Doch diese Handlung ist das exakte Gegenteil von Kontrolle – es ist der vollkommene Kontrollverlust.

In diesem Moment übergeben Sie die Führung vollständig an den primitivsten Teil Ihres Gehirns, die Amygdala. Ihr rationales Denken ist offline. Sie fahren nicht mehr, Sie jagen. Jede Ihrer Entscheidungen wird nun von Wut und dem Wunsch nach Vergeltung diktiert. Sie werden eine höhere Geschwindigkeit wählen, geringere Abstände einhalten und Manöver wagen, die Sie bei klarem Verstand niemals in Betracht ziehen würden. Sie erhöhen Ihr eigenes Risiko exponentiell, und wofür? Für die geringe Chance auf eine unbefriedigende Konfrontation an der nächsten Ampel, die im schlimmsten Fall eskalieren kann.

Das eigentliche Ziel – sicher anzukommen – wird komplett aus den Augen verloren. Sie setzen Ihre Gesundheit und Ihr Leben für einen flüchtigen Moment der vermeintlichen Genugtuung aufs Spiel. Der andere Fahrer wird seine Lektion wahrscheinlich nicht lernen. Aber die Lektion, die Sie bei einem daraus resultierenden Unfall lernen, könnte eine sehr harte sein. Die einzig richtige und souveräne Handlung in dieser Situation ist, diesen Impuls zu erkennen, ihn bewusst als das zu benennen, was er ist – eine gefährliche Emotion – und ihn ziehen zu lassen. Vergrössern Sie den Abstand. Biegen Sie an der nächsten Möglichkeit ab. Entziehen Sie sich der Situation. Das ist wahre Stärke und echte Kontrolle.

Wie ein 5-Minuten-Ritual vor dem Losfahren Ihre Unfallwahrscheinlichkeit senkt?

Die beste Methode, um mit Stress im Verkehr umzugehen, ist, ihm mental vorbereitet zu begegnen. Viele Unfälle passieren nicht im Moment der Krise, sondern weil der Fahrer schon vorher unkonzentriert war. Sie denken an die Arbeit, den Streit vom Morgen oder die Einkaufsliste. Jede Sekunde der Ablenkung ist gefährlich. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat warnt, dass man bei Tempo 50 pro Sekunde Ablenkung 14 Meter blind zurücklegt. Ein kurzes, bewusstes Ritual vor jeder Fahrt kann diesen mentalen „Lärm“ reduzieren und Ihre Grundkonzentration signifikant erhöhen.

Es geht nicht um einen langwierigen Prozess, sondern um fünf Minuten, die den Übergang vom Alltag zum hochkonzentrierten Zustand des Motorradfahrens markieren. Dieses Ritual schafft eine mentale „Firewall“, die Alltagsstress von der Fahraufgabe trennt. Es ist eine bewusste Entscheidung, sich zu 100 % auf die bevorstehende Fahrt zu fokussieren. Finden Sie einen ruhigen Ort neben Ihrem Motorrad und etablieren Sie eine feste Routine.

Ein solches Ritual ist eine Investition in Ihre Sicherheit, die sich bei der nächsten unvorhergesehenen Situation auszahlt. Ein ruhiger und fokussierter Geist reagiert auf eine Schrecksekunde nicht mit Panik oder Wut, sondern mit einer einstudierten, souveränen Reaktion. Sie bauen proaktiv eine Resilienz auf, anstatt nur reaktiv auf Gefahren zu hoffen, richtig zu handeln.

Ihr 5-Minuten-Check-in vor der Fahrt

  1. Ausrüstungs-Check (1 Min): Überprüfen Sie nicht nur die Funktion (Helmverschluss, Reissverschlüsse), sondern spüren Sie die Ausrüstung bewusst. Fühlen Sie den Helm auf dem Kopf, die Handschuhe an den Händen. Dieser taktile Input holt Sie in den gegenwärtigen Moment.
  2. Atem-Anker (1 Min): Schliessen Sie die Augen und nehmen Sie drei tiefe Atemzüge nach der 4-7-8-Methode. Scannen Sie Ihren Körper: Wo ist Anspannung? Atmen Sie bewusst in diese Bereiche und lassen Sie los.
  3. Visualisierung (2 Min): Gehen Sie die geplante Route kurz im Kopf durch. Stellen Sie sich vor, wie Sie Kurven sauber anfahren, wie Sie an Kreuzungen vorausschauend agieren. Visualisieren Sie nicht nur die perfekte Fahrt, sondern auch, wie Sie auf eine typische Gefahrensituation (z. B. ein abbiegendes Auto) ruhig und kontrolliert reagieren.
  4. Absichtserklärung (30 Sek): Formulieren Sie eine klare Absicht für die Fahrt. Zum Beispiel: „Ich fahre heute vorausschauend und gelassen. Mein Ziel ist es, sicher und entspannt anzukommen.“
  5. Start (30 Sek): Starten Sie den Motor. Hören Sie eine halbe Minute lang nur auf das Geräusch. Verbinden Sie sich mit der Maschine, bevor Sie den ersten Gang einlegen. Die Fahrt beginnt jetzt.

Wie Sie durch Kurvenfahren in einen Flow-Zustand gelangen, der Stress auflöst?

Motorradfahren ist mehr als nur Fortbewegung. Richtig ausgeführt, insbesondere auf einer kurvenreichen Strecke, kann es zu einem Zustand führen, den Psychologen als Flow bezeichnen. Dies ist ein Zustand völliger Vertiefung und Konzentration auf eine Tätigkeit. Zeitgefühl, Sorgen und ablenkende Gedanken verschwinden. Sie und das Motorrad verschmelzen zu einer Einheit, die sich fliessend durch die Landschaft bewegt. Jeder Blick, jede Gewichtsverlagerung, jeder Impuls am Lenker ist präzise und geschieht fast automatisch.

Dieser Zustand ist das exakte Gegenteil des gestressten, wütenden Zustands nach einem Beinahe-Unfall. Im Flow-Zustand ist Ihr Gehirn so sehr mit der komplexen Aufgabe des Fahrens beschäftigt, dass für negative Emotionen kein Platz mehr ist. Das Kurvenfahren, mit seiner Notwendigkeit, Blickführung, Schräglage und Geschwindigkeit perfekt zu koordinieren, ist ein idealer Auslöser für diesen Zustand. Es fordert Ihre Fähigkeiten genau im richtigen Mass – es ist weder unterfordernd (langweilig) noch überfordernd (stressig).

Motorradfahren erfordert totale Konzentration und Präsenz im Moment. Für Menschen, die oft mit Ablenkung und mangelnder Konzentration kämpfen, kann diese Aktivität eine seltene Erfahrung des inneren Friedens und des totalen Fokus bieten.

– Forschungsstudie zu ADHS und Motorsport, Beteiligung an Motorsportarten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Dieser „innere Frieden“ ist nicht passiv, sondern aktiv. Er entsteht aus der meisterhaften Bewältigung einer Herausforderung. Anstatt Stress zu bekämpfen, lösen Sie ihn auf, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit vollständig auf eine positive, lohnende Aktivität lenken. Eine Fahrt auf Ihrer Lieblingsstrecke kann daher eine weitaus effektivere Methode zur Stressbewältigung sein als viele passive Entspannungstechniken. Sie trainieren nicht nur Ihre Fahrtechnik, sondern auch Ihre Fähigkeit, sich voll und ganz auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren – eine Kernkompetenz für mentale Stärke, auch abseits des Motorrads.

Warum Motorradfahren die gleichen Hirnregionen aktiviert wie sitzende Meditation?

Die Verbindung zwischen dem Flow-Zustand beim Motorradfahren und mentaler Ruhe ist keine reine Einbildung, sondern hat eine solide neurobiologische Grundlage. Wenn wir Motorradfahren mit sitzender Meditation vergleichen, finden wir erstaunliche Parallelen in den beanspruchten Gehirnfunktionen. Beide Aktivitäten erfordern eine hohe, anhaltende Konzentration, eine bewusste Steuerung der Aufmerksamkeit und eine erhöhte Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umwelt. Es ist im Grunde eine Form der aktiven Achtsamkeit.

Bei der Meditation trainiert man, den Fokus beispielsweise auf den Atem zu richten und wandernde Gedanken loszulassen. Beim Motorradfahren ist Ihr „Atem“ die Ideallinie, der Bremspunkt, die Reaktion des Fahrwerks. Sie müssen Ihren Fokus konstant auf der Strasse halten und irrelevante Gedanken (was es zum Abendessen gibt) ignorieren. Dieser Prozess stärkt gezielt die Bereiche im präfrontalen Kortex, die für exekutive Funktionen wie Aufmerksamkeitssteuerung und Impulskontrolle zuständig sind. Gleichzeitig wird die Aktivität der Amygdala, des „Angstzentrums“ im Gehirn, gedämpft.

Die Neurowissenschaft hat gezeigt, dass solche fokussierten Trainingsprogramme das Gehirn nachhaltig verändern. Eine von der Psychologin Britta Hölzel an der Harvard Medical School durchgeführte Studie konnte belegen, dass bereits ein achtwöchiges Trainingsprogramm messbare Veränderungen im Gehirn bewirken kann. Regelmässiges, konzentriertes Motorradfahren kann als ein solches „Trainingsprogramm“ betrachtet werden. Es ist kein Zufall, dass viele Fahrer berichten, nach einer Tour „den Kopf freibekommen“ zu haben. Sie haben nicht nur die Landschaft genossen, sondern unbewusst ihre neuronalen Netzwerke für Emotionsregulation und Fokus trainiert.

Motorradfahren ist somit nicht die Flucht vor Problemen, sondern eine aktive Methode, um das Gehirn besser für deren Bewältigung auszustatten. Es ist Meditation in Bewegung, mit dem zusätzlichen Vorteil von frischer Luft und einer sich verändernden Szenerie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Emotionen sind physisch: Wut und Angst sind keine abstrakten Gefühle, sondern biochemische Zustände, die Ihre Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit direkt sabotieren.
  • Kontrolle ist eine Technik: Mit Methoden wie der 4-7-8-Atmung können Sie Ihr autonomes Nervensystem aktiv steuern und aus dem Stressmodus aussteigen.
  • Vorbereitung ist alles: Ein proaktives mentales Ritual vor der Fahrt ist wirksamer als jede reaktive Notfallmassnahme, da es Ihre mentale Grundverfassung stärkt.

Warum Motorradfahren Ihr Gehirn besser trainiert als Gehirnjogging-Apps?

In einer Zeit, in der unzählige Apps versprechen, unser Gehirn mit Puzzles und Gedächtnisspielen fit zu halten, bietet das Motorradfahren ein weitaus ganzheitlicheres und effektiveres kognitives Training. Während Gehirnjogging-Apps oft nur isolierte Fähigkeiten in einer sterilen Umgebung trainieren, fordert das Motorradfahren unser Gehirn auf eine multidimensionale, dynamische und realweltliche Weise. Es ist der ultimative Test für die Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich durch neue Erfahrungen anzupassen und zu verändern.

Beim Fahren müssen Sie in Sekundenbruchteilen eine Flut von Informationen verarbeiten: den Zustand der Strasse, die Geschwindigkeit des Verkehrs, die Wetterbedingungen, die Signale Ihres eigenen Körpers und die Rückmeldungen der Maschine. Sie müssen antizipieren, planen, entscheiden und handeln – und das alles gleichzeitig. Diese komplexe, multisensorische Stimulation ist ein Fest für Ihr Gehirn. Forscher haben nachgewiesen, dass bei Menschen, die stark beanspruchte Fähigkeiten nutzen, wie etwa bei Musikern, der entsprechende Bereich des Gehirns messbar vergrössert ist. Motorradfahren beansprucht ein breites Spektrum an Hirnarealen, von der visuellen Verarbeitung über die motorische Koordination bis hin zur räumlichen Navigation und exekutiven Funktionen.

Im Gegensatz zu einer App, bei der ein Fehler keine Konsequenzen hat, hat beim Motorradfahren jede Entscheidung ein unmittelbares, physisches Feedback. Diese erhöhte Relevanz sorgt dafür, dass die Lernprozesse im Gehirn tiefer verankert werden. Eine japanische Studie, die von Motorradreportern zitiert wird, kam zu dem Schluss, dass Motorradfahren die kognitiven Funktionen verbessert und das Gehirn „jung hält“. Es ist kein passives Konsumieren, sondern ein aktiver, fordernder Dialog mit der Realität. Anstatt also Zeit mit dem Tippen auf einem Bildschirm zu verbringen, könnte eine anspruchsvolle Kurvenfahrt die weitaus bessere Investition in Ihre geistige Fitness sein.

Die Beherrschung dieser mentalen Techniken ist nicht nur der Schlüssel zur Sicherheit, sondern auch zur Steigerung der Freude am Fahren. Der nächste Schritt besteht darin, diese Werkzeuge bewusst in Ihren Fahralltag zu integrieren und sie zur Gewohnheit zu machen.

Geschrieben von Julia Richter, Julia Richter ist Diplom-Psychologin mit Schwerpunkt Sportpsychologie und zertifizierte Mental-Trainerin. Sie arbeitet seit 10 Jahren mit Motorradfahrern an Themen wie Angstbewältigung, Konzentration und Flow-Erleben. Aktuell betreibt sie eine Praxis in Hamburg und leitet Workshops bei Motorrad-Sicherheitstrainings.